Milk Food Project – eines von vielen ukrainischen Selbsthilfe-Projekten.

Kornkammer Ukraine – Stütze der globalen Ernährungswirtschaft

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Im Schatten der Frontberichterstattung beweisen sich bewährte Kooperationen der Agrarund Ernährungswirtschaft als krisensicher – mit Zukunftspotenzial für Friedenszeiten.

Der russische Angriffskrieg bedroht direkt die ukrainische Bevölkerung und die in jüngster Vergangenheit verstärkt und ernsthaft ausgebauten rechtsstaatlich- demokratischen Gesellschaftsstrukturen – mit weltweiten Gefahren weit über die ukrainischen Grenzen hinaus.

Ernährungsversorgung in Nahost und Afrika akut bedroht
Für die globale Agrar- und Ernährungswirtschaft stellen sich existenzielle Herausforderungen mit Gefahren und Risiken, die sich nicht auf Preissteigerungen und vereinzelt verknappte Lieferketten beschränken. Stark bedroht ist der Nahe Osten und einige Länder Afrikas, die sehr stark vom ukrainischen und teilweise dem russischen Brotgetreide- Anbau abhängig sind. Laut offiziellen ukrainischen Quellen hängt die Ernährung von insgesamt mehrere Hundert Millionen Menschen direkt von ukrainischen Getreidelieferungen ab.

Donau Soja – Zuversichtlich und lieferbereit
Die direkten Auswirkungen auf Westeuropa und insbesondere die Schweiz dürften sich dank einem traditionell hohen Selbstversorgungsgrad und der krisenerprobten Pflichtlagerhaltung weitgehend auf die Futtermittel-Versorgung beschränken. Betroffen ist insbesondere der Anbau von gentechfreien Futterkulturen, die sich seit einigen Jahren als europäische und ökologische sinnvolle Alternative zu Herkunftsländern wie Brasilien und China etablierten.
Das Soja Netzwerk Schweiz hat bei seiner Mitgliederversammlung am 22. April 2022 die Beschaffungssituation besprochen und kommt zum Schluss: Die Versorgung der Schweiz mit GVO-freiem Tierfutter ist sichergestellt. Matthias Krön, der Gastreferent aus Österreich, schilderte die Lage und Auswirkungen des Krieges in der Ukraine. Als Gründer und Vereinsobmann des Netzwerks «Donau Soja» plädierte Krön für «Vernunft, Augenmass und eine faktenbasierte Diskussion. Die Ukraine liefert nach wie vor auf dem Landweg, täglich erreichen uns Berichte von erfüllten Lieferverträgen. Auch für die neue Ernte 2022 rechnen wir mit der Ukraine, europaweit zeichnet sich sogar eine rekordverdächtig grosse Soja-Ernte ab. Das Soja Netzwerk ist europaweit ein Vorbild, wie eine ganze Branche freiwillig Verantwortung übernimmt und das Vertrauen in die Landund Ernährungswirtschaft stärkt.»

Sojanetzwerk Schweiz: «Njet» zu Russland-Importen
Die Schweiz hat bis vor Kurzem auch Futtermittel aus Russland und der Ukraine bezogen. Im März 2022 entschied eine Task Force des Soja Netzwerk, keine neuen Käufe von Futter-Soja aus Russland zu tätigen, womit eine wichtige Beschaffungsquelle wegfällt. Die Versorgungssicherheit der Schweiz mit GVOfreiem Futtermittel ist dadurch nicht gefährdet. Mit dem Verzicht auf Futter- Soja aus Russland nimmt das Soja Netzwerk seine Verantwortung wahr und geht den Weg des gemeinsamen Engagements konsequent weiter.

Frühlingsaussaat im Kriegs-Modus
Im Frühling steht bekanntlich die Aussaat für Getreide und viele weitere Ackerbaukulturen an, für die Arbeit auf den grossen Agrarflächen der sprichwörtlichen Kornkammer Ukraine eine entscheidende Zeit. Die Behörden unternahmen seit März in Koordination mit den Fachleuten der Branche, um dies überall dort zu ermöglichen, wo die kriegerische Bedrohung nicht allzu gross ist. Laut der offiziellen Informationsplattform «Ukrinform.net» blieben kriegsbedingt dennoch rund ein Drittel der Ackerbauflächen diesen Frühling unbearbeitet. Laut offiziellen ukrainischen Quellen ist die Grundversorgung der Bevölkerung dank einer ausgebauten Pflichtlagerhaltung sichergestellt. Viele grosse Agrarbetriebe sitzen zudem auf umfassenden Lagerbeständen und sind entsprechend lieferbereit und offen für neue Kooperationen. Verteil- und Versorgungsprogramme stellen im ganzen Land die Ernährung sicher – in Kooperation mit vielen internationalen Organisationen.

Ukrzaliznytsia – Staatsbahn als bedrohter Lebensnerv
Viele Fachleute der ukrainischen Ernährungswirtschaft engagieren sich derzeit mit ihrem Fachwissen für die Versorgung unter kriegswirtschaftlichen Bedingungen. Oft wird dabei die existenzielle Bedeutung eines auch in der ÖV-versierten Schweiz bisher wenig bekannten Unternehmens zu hören: Ukrzaliznytsia (Originalschreibweise: Укрзалізниця), die ukrainischen Staatsbahnen. Diese übernehmen von den lebensreenden Massen-Evakuationen über die humanitäre Hilfe bis zur Versorgung existenziell notwendiger Güter aller Art für die ukrainische Durchhaltefähigkeit eine entscheidende Rolle. Das dies auch der russischen Armee bekannt ist, sind Angriffe auf Personen- und Güterzüge an der Tagesordnung. Die Einsatzteams der Staatsbahnen stehen daher unter Dauereinsatz, neben der humanitären Rettung auch zur Instandhaltung und Reparatur der Infrastruktur.

Lieferfähigkeit – Landweg im Ausbau
An Rollmaterial fehlt es dabei nicht. Eine im März 2022 neu geschaffene Rechtsgrundlage ermöglicht es der Staatsbahn Ukrzaliznytsia, das auf ukrainischem Gebiet stehende Rollmaterial russischer Eisenbahnen zu «nationalisieren». Laut einer Medienmitteilung seitens Ukrzaliznytsia könnten insgesamt rund 15 000 Wagons betroffen sein.
Der russische Angriffskrieg verstärkt die Wirtschaftskooperationen primär mit den unmittelbaren Nachbarländern. Dabei steht auch der Ausbau alternativer Logistik- und Lieferketten im Fokus. In Kooperation mit dem polnischen Agrarministerium wird laut «Ukrinform.net» die Nutzung der polnischen Hafeninfrastruktur als zumindest Ersatzweg zu den durch den Krieg bedrohten Auslieferungen in den ukrainischen Schwarzmeer- Häfen verstärkt.

Aufruf «Organic Ukraine»: Trotz Krieg Kooperation ausbauen
In einem aktuellen Statement ruft die ukrainische Biobranche offensiv dazu auf, trotz oder gerade angesichts des russischen Angriffskriegs im Rahmen der Möglichkeiten die Handelsbeziehungen aufrechtzuerhalten und auszubauen. Um dies zu erreichen, wurden in Koordination mit der europäischen und globalen Bioszene spezifische Unterstützungsprogramme lanciert. Diese Zusammenarbeit stützt sich auf
eine bereits jahrelange Aufbauarbeit. Vielfältige, langfristig angelegte Kooperationen und Entwicklungsprojekte wie das langjährige Engagement des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL) unterstützten die ukrainische Biobewegung als gegenseitigen Lernprozess auf Augenhöhe.