Lebensmittel-Industrie: Der Lehrgang besteht seit einigen Jahren – was sind Ihre Erfahrungen und Erkenntnisse?
Maya Ladner: Wir konnten in all den Jahren, trotz Wachstum und Veränderungen, die Nähe zu den Studierenden erhalten und pflegen. Wir schaffen es immer mehr, eine Balance zu erreichen zwischen der Ermöglichung der einzelnen Bildungswege und deren Gestaltung und dem Management eines gesamten Systems, das solche individualisierten Kompetenzprofile ermöglicht. Darauf bin ich sehr stolz. Stolz bin ich auch, wenn ich sehe, mit welchem Drive unser Team weiterhin an diesem wertvollen Studiengang feilt. Wir haben sozusagen die ersten Schritte mit unseren Kinderschuhen gemacht, und jetzt, wo wir aus ihnen rausgewachsen sind, meistern wir die teils unebenen Pfade mit unseren Trekkingschuhen. Inzwischen zählen wir 55 Alumni. Viele von ihnen finden bereits während des Studiums eine Stelle, die übrigen in der Regel innerhalb von sechs Monaten nach Abschluss. Besonders freut mich, dass einige mit einem lebensmittelfremden Hintergrund zu uns kommen und über das Studium den Wechsel in die Lebensmittelbranche schaffen. Auch die Rückmeldungen der Arbeitgebenden sind sehr positiv.
Eine unserer zentralen Erkenntnisse: Die DNA des Studiengangs und seine Vision bleiben gleich. Weil sich aber der Arbeitsmarkt und die Anforderungen an unsere Absolvierenden laufend verändern, entwickeln wir den Studiengang kontinuierlich weiter. So lag der Fokus zu Beginn noch stärker auf der Dynamik von Start-ups. Heute steht zusätzlich/auch das unternehmerische Handeln innerhalb bestehender Unternehmen im Zentrum, also «Intrapreneurship».
«Preneurship for Regenerative Food Systems» ist nicht ganz selbsterklärend. Danke für eine Übersicht …
An unserer Diplomfeier, die gerade letzte Woche stattgefunden hat, hat unser Departementsleiter einen guten Vergleich gezogen: Der umfassende Titel demonstriert die Ausdauer und das Durchhaltevermögen der Studierenden. Wer sich auf den Titel einlässt, merkt schnell, dass er genau das aufzeigt, worin die Studierenden ausgebildet sind. Im Kern geht es darum, Ernährungssysteme regenerativ und resilient zu machen. Dafür braucht es Menschen, die komplexe Herausforderungen systemisch denken und unternehmerisch lösen, sei es mit einem eigenen Venture oder innerhalb eines bestehenden Unternehmens. Und es ist nach wie vor auch genau die Handlungsfähigkeit, Systeme zu gestalten und zu transformieren, und zwar klar mittels regenerativer Praktiken, die die Studierenden in der Industrie zu zentralen Akteurinnen und Akteuren machen. Konkret heisst das: Unsere Absolvierenden verwandeln Lebensmittelverluste in neuen Wert, schliessen Kreisläufe entlang der Lieferketten und bringen regenerative Geschäftsmodelle auf den Markt. Das Ziel ist eine wirtschaftlich tragfähige Ernährungszukunft, die gesund für den Menschen, fair entlang der gesamten Wertschöpfungskette und regenerierend für den Planeten ist.
Was unterscheidet den Masterstudiengang von bereits länger bestehenden Studiengängen?
PREFS ist in dieser Form der einzige Master seiner Art, nicht nur in der Schweiz, sondern auch international. Vergleichbare Programme gibt es zwar in einzelnen Aspekten. Einzigartig macht uns aber die Kombination der Kompetenzfelder und insbesondere unsere didaktischen Systeme. Inhaltlich verbinden wir bewusst Perspektiven, die sonst meist getrennt gelehrt werden: Lebensmitteltechnologie und Ernährungssysteme, Ökosysteme und regenerative Strategien, Geschäftsmodellentwicklung und Finanzen sowie Innovation und Transformationsmanagement. Denn die Herausforderungen der Branche lassen sich nicht in einer Disziplin allein lösen.
Didaktisch stützen wir uns auf zwei Pfeiler. Das Herzstück ist das Agro Food Project, das sich über alle vier Semester erstreckt. Darin arbeiten die Studierenden gemeinsam mit Expertinnen und Experten aus unseren Forschungsgruppen sowie mit Partnern aus Industrie und NGOs. Sie bringen entweder eine eigene Idee mit oder nehmen sich einer realen Herausforderung eines Partnerunternehmens oder einer Forschungsgruppe an und entwickeln daraus ein regeneratives Geschäftsmodell. Für Unternehmen entsteht so ein direkter Zugang zu frischen Perspektiven und künftigen Fachkräften.
Der zweite Pfeiler ist unser Open Curriculum: Die Studierenden gestalten ihren Studienweg eigenverantwortlich und bauen gezielt Expertise in den Fragen auf, die ihnen am wichtigsten sind.
Und schliesslich sind Future Skills bei uns keine freiwilligen Randthemen, sondern ziehen sich durch das gesamte Programm. Dazu gehören systemisches Denken, Resilienz, der Umgang mit Unsicherheit, kollaborative Führung und KI-Kompetenz.
Welchen Mehrwert bietet die Akkreditierung?
Der Studiengang wurde von der Agentur ACQUIN (Akkreditierungs-, Certifizierungs- und Qualitätssicherungs-Institut) nach den European Standards and Guidelines (ESG) akkreditiert, den europäischen Qualitätsstandards für Hochschulen. Für uns als Studiengang hat die differenzierte Auseinandersetzung mit den Akkreditierungskriterien aufgezeigt, dass wir in den letzten Jahren einen grossartigen Master aufgebaut haben. Dies von einem internationalen und divers zusammengestellten Gremium bestätigen zu lassen, ist wohltuend. Hervorgehoben wurden insbesondere der Mut und die Innovationskraft des Studiengangs sowie unsere exzellente Feedbackkultur, die von den offenen und ehrlichen Rückmeldungen der Studierenden lebt. Gewürdigt wurde zudem die Studienstruktur: Sie erlaubt ein hohes Mass an Flexibilität und Individualisierung und fördert so die Autonomie und die persönliche Entwicklung der Studierenden. Gegen aussen bietet die Akkreditierung Studieninteressierten und Arbeitgebenden eine unabhängige Qualitätsgarantie und damit eine verlässliche Entscheidungshilfe.
Welche Projekte und Kooperationen sind daraus entstanden?
Die Zusammenarbeit mit der Praxis ist bei uns fest im Studium verankert, vor allem über das Agro Food Project. In unserem Studiengangsmanagement-Team führen wir zudem selbst angewandte Projekte durch und entwickeln so das, was die Studierenden lernen, direkt zusammen mit der Praxis. So entstehen Projekte oder Projektideen, die die Wertschöpfung von Commodities regenerativer gestalten, die Wirkung regenerativer Landwirtschaft auf die Ernährung untersuchen oder die Zusammenhänge zwischen regenerativer Führung und Nachhaltigkeitsverbesserungen in Unternehmen beleuchten.
Was wir auf jeden Fall umsetzen werden, ist die Bildung eines studiengangspezifischen Beirats. Wir möchten aus verschiedenen Feldern, auch der Industrie, regelmässige Inputs erhalten und Diskussionen führen können. Für Unternehmen ist das eine Chance, direkt mitzuprägen, welche Kompetenzen künftige Fachkräfte mitbringen. Wer Interesse an einer Zusammenarbeit hat, insbesondere/zum Beispiel mit einer eigenen Fragestellung im Agro Food Project, ist herzlich willkommen.
Was steht auf Ebene Innovationsforschung im Vordergrund?
In der Innovationsforschung interessiert uns vor allem, wie Transformation in Ernährungssystemen tatsächlich gelingt. Dabei geht es nicht nur um neue Produkte oder Technologien, sondern ebenso um neue Geschäftsmodelle, Formen der Zusammenarbeit entlang der Wertschöpfungskette und Führungsansätze, die Veränderung in Unternehmen möglich machen.
Möglich wird das durch eine starke Vernetzung innerhalb der ZHAW. Wir arbeiten eng mit allen Instituten des Departements Life Sciences und Facility Management (LSFM) sowie weiteren ZHAW-Departementen zusammen und darüber hinaus z. B. auch mit der School of Management and Law (SML) und dem Departement Angewandte Psychologie. Sie alle beschäftigen sich mit zentralen Schwerpunkten des Studiums oder mit verwandten Themen. Von dieser Zusammenarbeit lebt der Studiengang.
Uns ist wichtig, dass Forschung und Lehre eng verzahnt sind. So fliessen aktuelle Erkenntnisse unmittelbar ins Studium ein, und umgekehrt entstehen aus den Projekten der Studierenden neue Fragestellungen für die Forschung.
Welche aktuellen Herausforderungen sind derzeit für die Branche am wichtigsten – Lösungen?
Ich bin mir sicher, dass diese Frage auf lebensmitteltechnologischer Ebene schon viele Menschen beantwortet haben, auch in diesem Magazin. Ich möchte deshalb den Blick auf die Menschen richten, die diese Lösungen umsetzen. Die Branche bewegt sich in einem Umfeld, das immer komplexer und unberechenbarer wird, etwa durch den Klimawandel, volatile Lieferketten und steigende Anforderungen an die Nachhaltigkeit. Meiner persönlichen Meinung nach sind die grössten Herausforderungen deshalb die Ausbildung fachübergreifender Kompetenzen und die Erhaltung intrinsischer Motivation, damit Fachpersonen in der Industrie auf gesunde und motivierte Art und Weise wirken können. Wer sich für etwas interessiert, hat in der Regel auch die Kompetenz, sich die entsprechenden Wissens- und Methodenkompetenzen zu erarbeiten. Der Umgang mit herausfordernden Situationen ist meiner Meinung nach hingegen anspruchsvoller. Er will geübt sein. Deshalb sind Future Skills, wie systemisches Denken, Resilienz, der Umgang mit Unsicherheit, kollaborative Führung und KI-Kompetenz, in unserem Studium keine freiwilligen Randbereiche, sondern stehen im Kern. Und weil die Studierenden ihren Studienweg im Open Curriculum selbst gestalten und eigene Ideen verfolgen können, bleibt auch ihre intrinsische Motivation lebendig.
Was ist Ihnen als Studiengangleiterin darüber hinaus besonders wichtig?
Dass wir nicht nur regenerative Ernährungssysteme etablieren möchten, sondern dass wir auch in der Zusammenarbeit und im Umgang mit anderen und uns selbst regenerativer werden. Unsere Feedbackkultur, die auch das Akkreditierungsgremium hervorgehoben hat, ist Ausdruck davon: Wir begegnen einander offen und nehmen Rückmeldungen ernst. Was wir nach aussen vermitteln, wollen wir auch selbst leben. Auch wir haben endliche Ressourcen, und das muss respektiert werden. Das gilt für die Studierenden genauso wie für unser Team.
Welche Weiterentwicklungen folgen?
Vor und insbesondere im Zusammenhang mit der Akkreditierung haben wir uns Zeit genommen, den Studiengang kritisch zu reflektieren. Die Erkenntnisse haben wir anschliessend gemeinsam mit verschiedenen Stakeholdern aus Bildung, Lebensmittelindustrie und darüber hinaus aufgegriffen. Wir freuen uns nun sehr darauf, die entstandenen Zielbilder im Curriculum umzusetzen. Ein konkretes Beispiel: Wir passen unser Zulassungsverfahren an, damit wir die Vielfalt der Hintergründe unserer Bewerbenden noch besser erkennen und würdigen können. Wir sind davon überzeugt, so den Studiengang in seiner Relevanz zu stärken und weiterhin Absolvierende mit zukunftsfähigem Profil auszubilden. Menschen, die die Transformation unseres Ernährungssystems nicht nur mitdenken, sondern aktiv gestalten.